Demolieren des Ichs

Das Demolieren der Realität geht weiter. Zunächst verformt man Dinge der Umgebung. Bei Boris Vian sieht das so aus: Leblose Apparate wie Plattenspieler oder Klingeln erhalten Eigenschaften von lebendigen Tieren, ein Pianoctail beherrscht die Fähigkeit, zu jeder Musik den passenden Cocktail zu mixen. Der fleißige Leser und die Leserin von Boris Vian wird diese Motive aus den anderen Kurzgeschichten kennen.

Später fand der Autor etwas anderes Demolierenswertes: Die eigene Person. Man kann sich lustig machen, über sich selbst und seine Attribute, die soziale Stellung, das Aussehen, das Ängste. Vor allen Dingen über die Bedürfnisse, die da sind: Bedürfnis auf Unterhaltung, Verletzungsfreiheit, nach Freunden, nach Beischlaf.

Nachdem er diese Methode des Eigen-Demolierens entdeckt hatte, amüsierte er sich ein paar Wochen lang, und dachte, es könne vielleicht so weitergehen. Aber diese Entwicklung führte dann doch zu etwas Unerwartetem.

Der junge Autor demolierte damals sein Zentrum. Dabei griff er innere Schutzschichten an – ohne zu erkennen, wie wichtig sie sind.

Das Innerste, was wir an uns demolieren können, ist: Unseren Willen weiterzuleben. Dieser Wille lässt sich kurzzeitig, nur so zum Spaß, mal kurz umdrehen, wenn es dadurch einen Lacher gibt. In ähnlichen Situationen stehen Bungee-Jumper vor den Sprüngen.

Auslegung des Begriffs „Empirie“

An dieser Stelle wollen wir einen neuen Begriff einführen.

Stellvertretend für das Erleben unserer Umwelt möchten wir, in Anlehnung an Adornos Texte, ein Ersatzwort definieren: Den Begriff „Empirie“. Empirie verwendet der Philosoph (oder bereits ein anderer vor ihm) als die lebenslange unmittelbare Erfahrung unserer Umwelt.

Diesen Begriff möchten wir nun folgendermaßen einsetzen: Er soll heißen „Alltag“, „Umwelt“, „unsere Welt“. Empirie soll die Gesamtheit der unter die Leute „gebrachten“ Scheinwahrheiten bezeichnen. Das Wort umfasst etwa die vorbehaltlose Annahme der von den Medien verteilten Nachrichten, die Inhalte der „Parteiprogramme“ oder den Glauben an den Darwinismus. Irgendwann in der Zukunft wird dieser Begriff vielleicht für die Art, wie wir heute die Welt erleben, stehen.

Der Begriff „Empirie“ ist abwertend gemeint. Er verweist auf die Auffassung, dass eben alles so ist, wie es ist. Nichts Wesentliches könne verändert werden. Wir bräuchten uns ja nur umschauen, um zu sehen, dass sich nichts machen lässt. Der Begriff „Empirie“ erzeugt eine Distanz zur Gegenwart. Wir schaffen Abstand zu den Rahmenbedingungen, in die wir hineingewachsen sind. Wir kritisieren dabei die vermeintliche Sicherheit darüber, dass die Welt nicht auch mal ganz anders aussehen könnte.

Konzentration auf einen Punkt

Wir lösen unseren Blick von der Empirie und haben eine Methode gefunden, uns dem Realen zu entziehen. Wobei der Autor annimmt, dass er damals auf einen guten Rat hin mit dem Demolieren hätte aufhören können. Aber niemand gab ihm einen deutlichen Hinweis.

Das um sich Hauen beim Demolieren findet einen Fixpunkt, ein Problem, über dessen Inhalt genauer nachgedacht werden kann. Das Interesse währt nicht Jahre oder Monate, aber immerhin ein paar Tage. Wir stehen in einem Raum, der uns eng wird und aus dem wir zu flüchten versuchen, in dem wir einen Punkt anvisieren. Dieser Punkt war beim Autor ein „Koan“, den wir auf der nächsten Seite genauer beschreiben werden.

Boris Vian behauptete mal, es gebe nur zwei Sachen, für die es sich lohne zu leben: Die eine Sache sei Jazz – oder genauer die Swing-Musik der Nachkriegszeit – die andere seien schöne Mädchen. In dem Zeitraum, in dem Boris Vian von sich behauptete, er interessiere sich nur noch für zwei Sachen, hatte auch er seinen Blickwinkel verengt. Er konzentrierte sich auf einen Ausschnitt seines Seins.

Frühkindlicher Horizont

Nicht genug damit, wir können das hier Beschriebene in einen Zusammenhang stellen. Was ist das, was uns im Erwachsenenalter mit Humor und Lachen auf die Realität schauen lässt und unsere kindliche Sprache wiederaufleben lässt?

Es ist vielleicht die Wiederherstellung der Sichtweise des Säuglings. Wir schauten damals, als wir uns noch an die Geburt und auch an die Enge im Mutterleib erinnerten, auf die Welten-Logik. Diese haben wir nicht verstanden und sie schockierte uns mit ihrer Grausamkeit. In diese frühkindlichen Wahrnehmungen steigen wir durch das Demolieren wieder ein.

Wenn wir im Erwachsenenalter das Geschehen um uns als beengend, fesselnd bewerten, so wissen wir in versteckten Winkeln unserer Erinnerung, dass der Mutterleib die gleiche Qualität hatte. Aus der Enge im Bauch haben wir uns mit der Geburt herausbefördern können. Wir haben durch das Geboren-Werden und das, was anschließend kam, die Erfahrung gemacht, dass es zuerst eng war und dann geräumig. Was liegt nun näher, als die Schlussfolgerung, dass wir Motive suchen und finden können, die Geburt wiederholen zu wollen?


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